
Australien - ein Volk von Anglern. Unter ihnen gibt es eine große Zahl von Sportfischern die von dem „Supercatch“ träumen, dem Blue Marlin. Wer kein eigenes Boot hat (eher wenige) bucht seinen Angeltrip mit Fangarantie für Unmenegen von Dollars um sich diesen Traum zu erfüllen. Und dann gibt es noch die Anderen: Hoch ambitioniert, aber ohne Boot und dicker Brieftasche. Sollen die auf diesen Traum verzichten? Nein, es gibt ein paar wenige Plätze auf der Welt, an denen man sich mit diesem mächtigen, vor Kraft strotzenden, Raubfisch vom Ufer aus messen kann, fast ganz nach Hemingways packender Novelle. So sehen es zumindest die Rutenschwinger.

Wir fahren auf ein Cap in der Jevis-Bay, weit ab von jeder Stadt. Es ist Nationalpark und Militärgelände, an 150 Tagen im Jahr, für Schießübungen gesperrt. Am Ende des zwei Kilometer langen und steilen Wanderwegs, treffen wir, nichts ahnend, zuerst einmal auf Kinderwagen? Mit Schlössern an Bäume und Pfosten gekettet. So ca. Zehn an der Zahl. Großfamilien-Ausflug, oder was?

Ein Stück weiter führt eine fast senkrechte Stahltreppe das Kliff hinunter. Auf den schmalen Felsüberständen ein kleines Zelt. Um die Ecke, über der tosenden Brandung, stehen sie. Der Anblick ist wirklich kurios. Einige haben sich hier häuslich eingerichtet, Suppen kochen zwischen Unmengen von Angelequipment, Kinder-Schwimmbecken, Förderpumpen, Schläuchen und ersten Fängen. Kein Marlin, aber bis zu ein Meter lange Kingfische u.ä. die sich als lebende Köder für den Big-Catch eignen. Das Prinzip: Man angelt sich vom kleinsten Köderfisch zum Großen, bis der geeignete für den Traumfang dran hängt. Beißt er dann, wird das Geschirr angelegt, der Angler mit Ketten und Gurten am Fels verankert. Der Kampf beginnt, oft Stunden lang bis die Kraft schwindet, und einer von beiden Aufgibt.

In den Pools werden die Köder gehalten, mit den Pumpen werden die Pools mit Meerwasser gefüllt. Manche verbringen hier Tage, Wochen, stecken jeden verfügbaren Cent in die Ausrüstung und opfern den Jahresurlaub, um Tag und Nacht ihrem Traum nachzustellen. Hier findet sich Jung und Alt.

Heute ging noch nicht viel. Ein Marlin mit ca. 60 kg. Die wirklich interessanten Exemplare wiegen zwischen 150-300 kg, erzählt uns Gregg, der für heute schluß macht, und sein schweres Equipment auf den Kinderwagen lädt. Sein “Größter“ hatte ca. 120 kg, letztes Jahr an dieser Stelle gefangen. Die Rekordfische finden sich eher im offenen Meer und erreichen angeblich bis zu 800 kg. Schnell ist er auch, bis zu 110 km/h, majestätisch wenn man ihn springen sieht.
Als Speisefisch eher mäßig, sollte er eigentlich dort bleiben wo er ist, aber irgendwie kann ich auch die Faszination nachspüren, die bei diesen Fischern scheinbar den Ur-Jagdinstinkt weckt. Fairer Kampf? Keine Ahnung! Der Fisch jagd um zu überleben, das Andere ist „nur“ ein Hobby.
Wie auch immer, um diesen wirklich abgefahrenen Platz, mit seinen Freaks zu sehen, hat sich diese Wanderung allemal gelohnt.

Schöne Grüße New South Wales
Jürgen Orangetrotter