sua-sdey - Neues Land - neue Begrüßung!

Sind seit ein paar Tagen in Kambodscha. Mitten im Herzen von Phnom Penh, in einem günstigen Hotel. Ja, Hotel.
Die Hitze ist im Bus nachts echt unerträglich und wir leisten uns nun doch den Luxus einer Klimaanlage. Es waren nur ein paar Tage in der City geplant. Doch nun haben wir Ross und ein paar andere australische Rentner kennen gelernt die ein Hilfsprojekt betreuen, dass uns sehr anspricht. So haben wir uns entschlossen länger zu bleiben um uns die Sache etwas genauer an zu sehen. Wir wollen sicher gehen dass das Geld unserer Sponsoren und Freunde auch dort ankommt, wo es gebraucht wird. Wir halten Euch auf dem Laufenden.
Unsere Hotel-Chefin Dara, ist eine ganz nette, und unterstützt uns indem sie uns noch ein bisschen Discount auf den Zimmerpreis gibt, damit die längere Unterkunft unsere Reisekasse nicht so sehr belastet. Wir sind so dankbar, dass uns immer wieder so großzügige Menschen begegnen.
Hier in Kambodscha und auch in den Nachbarländern beginnt ganz langsam die Regenzeit. Vor ein paar Stunden hatten wir sintflutartige Regenfälle. Innerhalb kürzester Zeit haben sich die Straßen
in Flüsse verwandelt. Bei uns würden die Menschen ausflippen, doch hier gehört das irgendwie zum Alltag. Die Kinder springen raus, hüpfen im Wasser rum und haben Spaß. Die Autos fahren weiter, ebenso die Tuck Tucks und Cyclos (Fahrradrikschas). Nach einer Stunde ist der Zauber dann vorbei. Bis die Straßen wieder trocken sind dauert es ein Weile, doch dann ist nichts mehr von den Wassermassen zu sehen. Und das ist erst der Anfang. Bin gespannt wie viel Wasser wir noch abbekommen.

Vor ein paar Tagen haben wir uns das Genozidmuseum Toul Sleng (das Gefängnis S-21, das die Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 unterhielten) angetan. Im Reiseführer steht: „eines der bedrückendsten Erlebnisse einer Kambodschareise“, dem kann ich nur zustimmen. Mehr als 13.000 Menschen – anderen Schätzungen zufolge sollen es über 20.000 gewesen sein – wurden hier bestialisch ermordet. Über mehrere Räume, erstrecken sich zig Schautafeln mit schwarzweiß Fotos. Wir schauen in unzählige Gesichter von Gefangenen.

Ebenso finden wir dort original Foltergeräte und Bilder die zeigen, wie grausam und qualvoll die Menschen zu Tode gefoltert wurden. Wir gehen durch Gänge, Zelle an Zelle, dunkel, bedrohlich, so winzig klein dass ein ausgewachsener Mensch keinen Platz hatte um sich auszustrecken. UNBEGREIFLICH!
Auf den Killing Fields, 12 km vor den Toren Phnom Penhs, befinden sich die Massengräber derer die das S-21 nicht überlebten, oder hier, an diesem heute so friedlich wirkenden Ort, grausamst hingerichtet wurden. Noch heute werden nach einem kräftigen Regenschauer Kleidungsstücke der Toten an die Erdoberfläche geschwemmt. UNBESCHREIBLICH!

Ich lese gerade ein Buch „Der weite Weg der Hoffnung“ von Loung Ung, eine junge Frau die erzählt wie sie es mit ihren damals fünf Jahren erlebt hat, als Phnom Penh im April 1975 von den Roten Khmer „evakuiert“ wurde.
Ich sitze da, mitten in der Hauptstadt von der Loung Ung´s erstes Kapitel handelt. Sie erzählt von einer unbeschwerten, glücklichen Kindheit. Beschreibt das Treiben in den Straßen der Stadt, wie sie mit ihrer Mutter im TuckTuck zum Markt fährt, wie sie mit ihren Eltern im Restaurant um die Ecke Nudelsuppe ist. Wie sie mit ihren Freundinnen vor ihrer Wohnung spielt. Ich fühle mich zurück versetzt ins Jahr 1975. Lese wie sie und ihre Familie vertrieben wird, Tage lang zu Fuß in sengender Hitze in eine bedrohliche Zukunft laufen. Wie Hunger, Angst, Krankheit und Ungewissheit sie über Monate und Jahre zerfressen und verändern. Wie ein kleines Kind, Hass- und Rachegefühle entwickelt um den Schmerz um den Verlust ihrer ermordeten Eltern und Geschwister zu verdrängen, um die Kraft zum weiterleben aufzubringen.
Das Buch hier in Phnom Penh, am original Schauplatz zu lesen, ist eine sehr intensive Erfahrung für mich. Die mich sicher auf der gesamten Reise durch dieses Land begleiten wird.
Alles Liebe Eure Helga
Orangetrotter