Wie schön es doch ist für sich zu sein

Geschrieben von: Helga
Samstag, den 26. September 2009 um 05:41 Uhr

.... und doch nicht allein

wir sind wieder unterwegs. Unser Weg führt uns von Ardabil über Khalkhal nach Asalem ans Kaspische Meer. Die Straße windet sich die Berge hinauf und die Landschaft erinnert an die Schweiz. Grüne Hügel soweit das Auge reicht, für uns Deutsche mag das nichts besonderes sein, wenn man jedoch tagelang durch den wüsten ähnlich kargen Iran fährt, ist dieser Anblick so wohltuend und herzerfrischend. In diesem Moment wird uns das Glück bewusst dass wir haben, im Allgäu aufgewachsen zu sein und wie sehr wir unsere Heimat lieben. Nein, noch kein Heimweh, aber eine ganz tiefe Dankbarkeit für all das was wir in unserem Leben bisher hatten.

Auf der Passhöhe ca. 2300 m angekommen ziehen uns die Stille und Ruhe hier oben so in ihren Bann, dass wir spontan beschließen hier zu bleiben und auch die Nacht hier zu verbringen. Die Temperatur ist sehr angenehm und erst jetzt bemerken wir wie sehr uns die letzten Tage in Anspruch genommen haben. Wir genießen es einfach nur allein hier oben zu sein. Ein Schläfchen auf der grünen Wiese. Seele baumeln lassen und das Erlebte zu verarbeiten. Die wichtigsten Klamotten waschen und vielleicht auch mal wieder eine Dusche für uns. Unterhalb von unserem Standort steht ein lang gezogenes Gebäude, dass sehr verlassen aussieht. Es zieht Nebel auf, die Sicht ist sehr schlecht das nutze ich und trotz all meiner Bedenken mich im Iran draußen zu duschen wage auch ich einen Versuch. Jürgen steht bereit mit Decke und Handtuch falls doch jemand kommt oder der Nebel die Sicht zur Straße frei gibt. Sehr schnell und ständig um mich blickend dusche ich mich ab und schon zieht der Nebel ab, schnell husche ich in den Bus und wasche meine Haar im Orangetrotter fertig. Das ist echt anstrengend! Mir wird klar wie unfrei speziell die Frauen im Iran doch leben müssen. Zu hause oder überall sonst in der Welt, würde ich auch nicht gerade nackt und für jeden ersichtlich meine Dusche nehmen aber die Angst, allein ohne Kopftuch,  gesehen zu werden und dafür bestraft werden zu können,  ist für Europäer kaum nachfühlbar. Für das Verständnis für die weibliche Bevölkerung dieses Landes für mich jedoch eine sehr wichtige Erfahrung. Dann mach ich Abendessen. Kartoffeln mit Gemüse und Wurst.

Ein Auto kommt und parkt unten an dem unbewohnten Haus. Fünf Männer steigen aus, schleichen auf dem Hof umher, sehen zu uns herauf und diskutieren. Sieht aus als ob sie sich nicht trauen uns anzusprechen. Sie kommen langsam näher: „Where are you from“?  Ein paar Worte gewechselt, sie sprechen kaum englisch. Sie sind von der Ambulanz und haben  hier auf der Passhöhe ihre Station. Einer von ihnen kommt etwas später: „ Do you want tee?“ - Ja, klar, wir lieben den Iranischen Tee. Wieder eine halbe Stunde später kommen drei von ihnen mit einem silbernen Tablett, zwei Tassen und Unterteller aus Glas, eine 2 Liter Thermoskanne voll Tee und Zucker. Wir sind gerührt. Das sind die Menschen im Iran. Kurzer Wortwechsel und sie verschwinden wieder. Später bringt Jürgen die Tassen zurück, geht eine Tür zu früh rein und steht mitten in der Polizeistation. Keiner spricht auch nur ein Wort englisch, aber der Teller mit einem Berg von Wassermelone für uns ist bereits hergerichtet. Ich lach mich kaputt als Jürgen mit dem Teller, den Berg hoch gelaufen kommt.

Ich hätte nie gedacht, dass ich das sagen würde:

Ich liebe diese Menschen hier, wie sie unglaublich neugierig, unsicher, vorsichtig und dabei immer respektvoll ihren Mut zusammen nehmen und die ihnen so fremden Leute ansprechen als würden sie dich immer schon kennen. Wie schön wäre es wenn auch wir Deutsche so offen und unvoreingenommen mit den Fremden in unserem Land umgehen könnten. Die „Ausländer“ bei uns würden sich wohler fühlen und das Zusammenleben könnte um einiges einfacher sein.

Wenn Ihr heute einen trefft, vielleicht denkt Ihr an uns und lächelt kurz und seid ganz überrascht ein Lächeln zurück zu bekommen.

Alles Liebe Eure Helga orangetrotter

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